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Feinschliff in der Schanze – Teil 2


Fortsetzung (hier geht’s zum ersten Teil)

Friedrich Jürges (genau genommen Friedrich Jürges der Vierte) ist seit 1986 Geschäftsführer des gleichnamigen Familienbetriebs im Hamburger Schanzenviertel. 2019 feiert das Unternehmen, das noch echte Handarbeit anbietet, 100-jähriges Jubiläum. Mit dem Fall des Eisernen Vorhangs expandierte „Messer-Jürges“ ins Baltikum und machte dabei eine Begegnung, die sein Leben für immer verändern sollte.

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Liebesglück auf lettisch

„Wir kamen durch die politischen Umwälzungen Anfang der 1990er-Jahre in Kontakt mit der Branche in diesen Ländern“, verrät der gelernte Maschinenschlosser. Durch den Zusammenbruch der Sowjetunion und damit auch der großen Kombinate bestand eine hohe Nachfrage nach Maschinen für kleine Betriebe. „Auf einer Messe in Polen 1992 habe ich Letten kennengelernt, die jemanden suchten, der eine komplette Ausstattung liefern konnte.“ Ein schicksalhaftes Treffen: Jürges lieferte – und fand dabei seine heutige Frau.

Der Handwerksmeister verliebte sich in eine einheimische Dolmetscherin, die Abhilfe bei den Verständigungsproblemen vor Ort schaffte. „Die ersten Worte, die ich konnte, waren ‚Ja‘ und ‚ne‘ – das wird in Lettland genau wie in Hamburg ausgesprochen“, lacht Jürges, und lässt seinen norddeutschen Dialekt so schön durchklingen, dass man sich auf einem Fischkutter wähnt. Das Baltikum entwickelt sich zu einem wichtigen Standbein für die Firma, bis 2014 werden in einer Außenstelle in Lettland Fleischermaschinen repariert und in die umliegenden Länder verkauft.

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Zehn Mark für drei Minuten

Drei Wochen Deutschland, eine Woche Lettland – das war über Jahre der Rhythmus von Jürges, um an beiden Standorten den Überblick zu behalten. Ein Spagat mit Hindernissen: „Zu Anfang konnte man nicht einfach nach Deutschland telefonieren. Da musste man erst zum Postamt laufen und ein Gespräch anmelden. Als man später direkt durchrufen konnte, kosteten drei Minuten zehn Mark – da haben wir gesehen, dass wir uns nicht lange am Telefon aufgehalten haben.“ Mittlerweile ist der Markt in Osteuropa gesättigt. Sanktionen erschweren den Handel, der heute über Partner vor Ort abläuft.

Auch die Heimat befindet sich im Wandel. Durch die Aufwertung des Schanzenviertels ist eine neue, kaufkräftige Bevölkerungsschicht hinzugezogen. Und die Kundschaft änderte sich ebenfalls mit der Zeit: Mehr und mehr Hobbyköche passierten die Eingangstür. „Früher gab es kaum einen Privatmann, der sich für 100 Euro ein Messer gekauft hat. Das hat sich erst in den letzten 15 Jahren mit den vielen Kochsendungen im Fernsehen geändert“, sagt Jürges, der selber gerne die TV-Show „Kitchen Impossible“ seines Schanzen-Nachbarn Tim Mälzer guckt, das Kochen aber lieber seiner Frau Sandra überlässt.

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„Ich habe alles aufgesogen“

Teure Messer wollen regelmäßig geschliffen werden. Mindestens zehnmal kann man die Klinge bei guter Qualität schärfen, alle vier Jahre sollte eine Überarbeitung von Profihand stattfinden – sofern zwischendurch Abziehstahl oder ein Schleifstein zum Einsatz kommen. Hauptberufliche Köche schauen jährlich vorbei, auch die Arbeitsutensilien von Mälzer oder Cornelia Poletto wurden in der alten Werkstatt bereits auf Vordermann gebracht.

Nicht nur in Hamburg ist „Messer-Jürges“ die erste Adresse für Köche, auch von außerhalb kommt regelmäßig Post mit Inhalt zum Schärfen an. Nach zwei bis drei Tagen ist die Arbeit in der Regel beendet, in Notfällen haben Besitzer innerhalb weniger Stunden ihr Arbeitsgerät wieder in der Hand. Ein Service, den Jürges der Vierte von der Pike auf gelernt hat. Schon als Kind verbrachte er viel Zeit im Laden, machte hier nach der Schule seine Hausaufgaben: „So habe ich das alles aufgesogen. Und meine Eltern hatten mich besser unter Kontrolle.“

Ungewisse Zukunft

Anfang der 2000er stand der Betrieb am Scheideweg. Im Rahmen des damals größten Städtebauprojekts „Sternquadrant“, bei dem 100 Millionen Euro in die Aufwertung des Viertels investiert wurden, unterstellte man dem Familienunternehmen, die Werkstatt ohne Erlaubnis hochgezogen zu haben. „Ich habe Modelle gesehen, da war unser Geschäft schon gar nicht mehr vorhanden.“ Doch Jürges’ Vater fand in seinem Tresor eine Baugenehmigung, die der zuständigen Behörde nicht vorlag. Die Rettung.

Nur: Wie lange besteht dieses einmalige Messer-Mekka noch? Friedrich Jürges den Fünften gibt es nicht. Die beiden Töchter, eine Masterstudentin in Stadtplanung sowie eine Universitätsmitarbeiterin mit Doktortitel, stehen nicht in Verdacht, die Geschicke fortzuführen. Und vielleicht ruht die Hoffnung so auf dem jüngsten Familienmitglied: Eine rund vier Monate alte Enkelin mit dem dritten Vornamen „Fritzi“, der weiblichen Form von Fritz – dem klassischen Rufnamen von Friedrich. Doch noch hat der Chef keine Pläne für die Rente: „Mir macht die Arbeit Spaß. Und ich habe keine Lust darauf, den ganzen Tag zuhause den Rasen zu mähen und einkaufen zu gehen.“ Zum Glück, denn „neu“ ist nicht immer „besser“.

Einen Einblick in das Geschäft und die Schleiferei von „Messer-Jürges“ gibt es auch in der NDR Nordstory (ab Minute 09:40).

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